"Ich habe Frieden geschlossen mit mir und den Menschen"
Georg Danzer

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Nein, es wäre ihm unangenehm, wenn wir uns zum Interview treffen, er möchte nur telefonieren, sagt Georg Danzer. Der große Liedermacher hat vergangenen Montag in der Wiener Stadthalle die Massen berührt. Auf 90Kilo abgemagert und mit vorsichtigen Bewegungen strahlte er Glückseligkeit aus. Und innere Ruhe. „Ich hab’ tatsächlich Frieden geschlossen mit mir und den Menschen“, so der 60-jährige Künstler. Im Interview spricht er über seine nächste Chemotherapie, über Zeit und über den Tod.

Herr Danzer, nach dem Konzert, das Sie vergangenen Montag in der Stadthalle gegeben haben, sind einige Menschen bedrückt nach Hause gegangen, mit dem Gefühl im Bauch, es könnte nicht mehr viele solcher Konzerte geben.
Das liegt vielleicht daran, dass ich schlanker geworden bin. Ich habe jetzt 90 Kilo, vorher waren es 103. Es sind also13Kiloweg.

Haben diese Menschen mit ihrem Gefühl Recht?
Ich glaube, diese Leute machen sich ihren eigenen Film im Kopf. Die denken: Naja, der Danzer ist jetzt über 60, er hat diese Krankheit, wer weiß, wie lange man ihn noch auf der Bühne sieht. Eins ist klar. Ich war nach dem Konzert müde und bin sofort nach Hause gegangen. So wie der Ostbahn Kurti zum Beispiel noch bis 4 in der Früh bei einem Gläschen Wein zu sitzen, das hätte ich sicher nicht fertig gebracht. Mein Körper muss sich schon erholen von zwei Chemotherapien. Zwei Tage später habe ich im Stadttheater von Berndorf gespielt, das war sehr berührend.

Was war so berührend?
Es war knallvoll ausverkauft, die Leute sind am Schluss aufgestanden, das tun sie aber eigentlich schon seit November. Ich glaube, sie honorieren einfach diese Vorstellung, dass da jemand ist, der eine Krankheit hat und sich nicht unterkriegen lässt.

Eine Art von Solidarität?
Ja, und diese Solidarität tut sehr gut. Ich hab’ gespürt, wie sehr die Leute auf meine Lieder ansprechen, ob das nun„Elfie“ war oder „Der alte Wessely“ oder eben einer von den Hadern mit den Freunden von A3. Alles kommt beim Publikum an. In den späten Siebzigern, da konnte ich das noch nicht so genießen, da war ich noch von Lampenfieber gedämpft. Aber in den letzten 30 Jahren hatte ich kein Lampenfieber mehr, da ist nur noch Freude.

Freude woran?
Ich geh’ da raus und seh die Leut und muss grinsen. Ich freu mich, dass sie da sind, ich freu mich über die Gesichter, die zu mir heraufglänzen, mit ihren Blicken auf mich warten, das ist schön. Die Blicke sind so voller Erwartung, so fröhlich, ich kann das nur ganz schwer beschreiben. I g’freu mi wirklich. Vielleicht sind einige Leute bedrückt weggegangen, weil sie an meiner Person ihre eigene Trauer bewältigen.

Dass Sie Lungenkrebs haben, ist doch auch sehr traurig.
So eine Erkrankung zieht einen gewissen Hype nach sich, das lässt sich gar nicht vermeiden, aber mir ist das peinlich. Ich möchte darauf nicht aufbauen. Ich hab so viele Lieder geschrieben, und a paar waren ganz gut, a paar waren nicht so gut. Wie viele gut waren, das sollen die Leute beurteilen, die meine Lieder hören. Ich glaub, der Ruhm zu Lebzeiten sagt wenig aus über die tatsächliche Qualität eines Künstlers. Und das bin ich. Ich bin ein Künstler mit Leib und Seele, das wollte ich immer sein. Ich möchte keiner sein, von dem man sich zuletzt nur seine Krankheit gemerkt hat.

Stimmt es, dass Sie nach dem Konzert gleich zurück ins Spital gefahren sind?
Nein, das stimmt nicht. Ich war nie stationär im Spital. Ich werde ambulant behandelt. Wenn ich ein Blutbild machen muss oder eine Infusion bekomme, dann geh ich ins Spital, auch ambulant. Das ist ganz erträglich. Und in zwei, drei Wochen beginnt meine nächste Chemotherapie. Dabei haben die Haare gerade angefangen, a bissel zuwachsen.

Keine Glatze mehr?
Doch, schon. Ich kontrollier das aber nicht, ich hab mich schon an die Glatze gewöhnt. Auch an die Haube. Nur im Sommer wird es heiß werden.

Sie sprechen ab und zu sehr kurzatmig.
Das könnte aber auch daran liegen, dass ich während unseres Gesprächs manchmal das Fenster aufmachen muss, weil es so heiß ist.

Wie geht es Ihnen im Moment, Herr Danzer?
Ich bin hier in meinem Studio es ist ein sonniger Tag, der Himmel ist so was von unglaublich blau, die Sonne sticht herunter. Ich hab die Natur immer geliebt, das ist für mich ein ganzwesentlicher Teil meines Daseins, dass ich in der Natur sein kann, ich würde nie mehr in der Stadt leben wollen. Im Moment geht es mir gut.

Sie haben ein Leben lang geraucht. Überlegen Sie manchmal, was Sie sich erspart hätten, wenn Sie das nicht gemacht hätten?
Ich hab begonnen mit 18, 20. Und aufgehört vor fünf Jahren. Die Psychologen sagen mir: Lass dir ja nicht Schuld einreden. Zieh dir ja nicht zu deiner körperlichen Erkrankung noch eine psychische Belastung zu. Aber natürlich denke ich darüber nach. Das will ich gar nicht bestreiten. Wenn ich nie geraucht hätte, dann wäre dieses Thema vermutlich nicht auf dem Tisch.

Und so?
So ist sehr viel Ärger über mich selbst da. Ärger und Trauer. Die Trauer ist aber viel stärker.

Was hat diese Trauer mit Ihnen gemacht?
Sie hat sich einfach manifestiert. So sehr manifestiert, dass ich Trauerarbeit leisten musste. Das hab ich aber schon ziemlich hinter mir. Ich hab mich mit mir versöhnt, egal was ich getan habe.

Empfinden Sie Genugtuung, wenn die Gesundheitsministerin Rauchern den Kampf ansagt?
Ob Österreich im Rauch versinkt, ist mir ehrlich gesagt piepegal. Von mir aus können sich die Leute niederrauchen und niedersaufen, so viel sie wollen. Was mich berührt, ist zum Beispiel das Rauchen in Anwesenheit von Kindern. Da hab ich das Gefühl, diese Leute wissen nicht was sie anderen für einen Schaden zufügen.

Denken Sie manchmal darüber nach, wie viel Zeit Sie noch haben?
Tja…Die Zeit fließt immer gleich. Egal ob man’s eilig hat oder sich einbildet, man hätte unbegrenzt Zeit. Ich spreche mit meinen Ärzten, ich mache mir Gedanken, aber ich möchte mich nicht in Spekulationen ergehen. Tatsache ist, dass es früher aus sein kann, als man glaubt. Tatsache ist aber auch, dass ich am 12.Mai ein Konzert in Laxenburg geben und dass ich am 17. Mai den „Amadeus“ für mein Gesamtschaffen bekommen soll.

Wenn die verbleibende Zeit weniger wird, werden da gewisse Dinge unwichtig?
Man wird ein bisschen vorsichtiger in seinen Überlegungen. Eitelkeit wird völlig unwichtig, auch Auftritte bei pseudokulturellen, gesellschaftlichen Ereignissen, das muss man alles nicht machen. Wichtig ist irgendwann nur noch der Kontakt zu Menschen, mit denen man eine innige Beziehung pflegt. Freunde, Familie, Kinder.

Auch der Glaube?
Ich bin kein gläubiger Mensch, das muss ich Ihnen leider sagen, auch wenn Sie das traurig stimmt. Ich habe auch keine Angst vor dem Sterben.

Keine Angst zu haben, das klingt mutig.
Was hat das mit Mut zu tun? Angst vor dem Sterben zu haben hieße, sich nicht bewusst zu sein über die Alternative. Die Alternative wäre ewig zu leben. Eine ganz furchtbare Vorstellung. Man muss Platz machen und möglichst das, was man sich angeeignet hat, an die weiteren Generationen weitergeben.

Sie geben doch mit Ihren Liedern sehr vieles weiter.
Tja, hoffentlich! Wie heißt es in einem meiner Lieder? „Ich bin immer noch ein Träumer, und drum schreib’ Ich jedes Lied auch für die, die wie ich noch Träumer sind. Für die hoffe ich, vieles weiter gegeben zu haben.

29. April 2007, erschienen im KURIER