„Wie alt möchte ich werden? Diese Frage gestattet das Schicksal nicht.”
Udo Jürgens

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„Udo Jürgens in New York verhaftet“ schrieb das Hamburger Magazin „Park Avenue“ diese Woche: Was war los?
Das war Anfang Mai, ich kam mit der Swissair am Airport JFK an–privat für fünf Tage. Bei der Immigration bemerkte der Beamte ein abgelaufenes Arbeitsvisum in meinem Pass – das hatte mir die Botschaft in Bern vor einem Jahr für einen Gala-Auftritt in New York beschafft. Ich musste mit der Swissair -Dame, die mich begleitete, – ich war ein sogenannter VIP–, in einen Callroom und saß dort mit Arabern, Indern und Mexikanern fest. Die hatten alle massive Probleme, weil sie unter Terrorverdacht standen. Ich mittendrin.

Mit welcher Begründung?
Keine Begründung. Ich habe eine solche Willkür noch nie erlebt. Nach eineinhalb Stunden hab’ ich aufgezeigt
und sehr höflich „Excuse me“ zu dem Beamten gesagt, ich wollte wissen, wielange das so weiter gehen sollte. Da herrschte er mich an: Don’t talktome! Ich versuchte, über Handy meinen Anwalt anzurufen, aber er rief: No mobile phone! Ich bin mir vorgekommen wie ein Verbrecher, furchtbar! Die Dame von Swissair sagte: Nicht auffallen, sonst kommen wir nie mehr hier raus.

Wie sind Sie dann doch wieder rausgekommen?
Irgendwann überzeugte meine Begleiterin den Beamten, dass ich ein Künstler sei, kein Verbrecher, und er haute mir missmutig einen Stempel in den Pass und ließ mich laufen.

„Nie wieder New York“ sollen Sie geschworen haben.
Das hab“ ich natürlich nie gesagt! Ich liebe New York, obwohl die Einreise immer eine Angstpartie ist, jedes Mal war es eine Angstpartie, und ich war sicher in meinem Leben schon 40 Mal drüben. Auch die komplizierte Ausfüllerei der Einreisepapiere ist mir ein Gräuel, da verschreibt man sich doch immer in den Zeilen und dann stellen die Beamten wieder diese unangenehmen Fragen. Amerika ist wirklich ein Polizeistaat. Trotzdem kann ich mir das gar nicht vorstellen: Nie mehr nach New York zu fliegen.

Ihre Ex-Frau lebt in New York, haben Sie sie getroffen?
Ja natürlich, ich war mit Panja essen. Insgesamt habe ich mir in New York 12 Musicals angesehen. Und mit all den Leuten vom Broadway, den besten Choreographen, gesprochen. Weil ich zusammen mit Stage Entertainment und nach einem Buch von Gabriel Barylli – es ist eine hübsche Geschichte, aber wir haben noch keinen Titel – ein Musical mache, mit Liedern von mir. Im Oktober startet ein Workshop, Ende 2007 sollte die Premiere sein.

Sie kommen gerade von einer Mittelmeerreise zurück, haben Sie Bekanntschaft mit Algen und Quallen gemacht?
Nein, aber auch mit keinem einzigen Fisch. Die Adria ist fischleer. Wir waren eine Herrenpartie und sind auf einer Yacht die dalmatinische Küste entlang gesegelt. Drei Herren, eine Woche lang. Und jetzt bin ich seit längerer Zeit wieder für ein paar Tage Urlaub in Kärnten.

Haben Sie die Wörthersee-Schickeria schon vermisst?
Nein, eher meinen Bruder. Ich treffe ihn so viel wie möglich. Und ich hab’ ja meine Jugend und Kindheit hier verbracht. Zum Beachvolleyballturnier geh’ ich nur dem Hannes Jagerhofer zuliebe. Ich hab’ keine Ahnung, wer da gegen wen spielt und vor allem warum.

Ein reiner Freundschaftsdienst?
Ja, denn ich hab’ zu diesem Sport keine Beziehung. Beachvolleyball ist sicher eine tolle Sache für die Wörtherseeregion, aber es ist eben nicht meine Welt . . . Für mich ist diese Szene schon arg jung. Darum hau ich hier auch schnell wieder ab, nach Hause.

 

 

Wo ist für Sie zuhause?
Zürich. Ich war lange nicht dort und möchte endlich meine Koffer auspacken, die Kleider waschen. Außerdem ist es hier jetzt so neblig, und es regnet, fast wie im November, a bissl trist. Da hat der See für mich keinen Reiz.

Sie sprechen Kärntnerisch, wenn Sie am Wörthersee sind?
Ja, ist ja auch meine Muttersprache. Ich liebe Kärnten. Aber dauernd hier leben möchte ich hier nicht mehr.

Haben Sie sich das so vorgestellt, letztendlich allein zu leben?
Nein, denn sonst hätte ich wohl nie geheiratet. Aber all die Versuche, zu zweit zu leben, sind letztlich für mich gescheitert. So unter dem Motto: Zusammen geht’s nicht, und allein ist es auch nicht einfacher. Das Privatleben ist ja eine komplizierte Sache.

Zwei Scheidungen und viele, viele Trennungen. Ihre Bilanz?
Von Corinna bin ich ja noch nicht geschieden. Wir leben in Trennung. Aber ich schätze und verehre sie nach wie vor. Ich verstehe mich ja mit all meinen Ehefrauen und Kindern gut. Wenn wir uns nicht verstanden haben, dann nur, weil in den Zeitungen wieder falsche Dinge gestanden sind. Nichts ist schrecklicher als familiäre Dinge in der Zeitung zu lesen und sich dafür rechtfertigen zu müssen. Die Bilanz: Ich habe wunderbare Kinder, die ich sehr liebe. Ich bin mit meinen Kindern sehr verankert, ich warte nicht darauf, dass sie mich eines Tages besuchen kommen. Ich möchte auch nie dieses „Ach Gott der Alte“- Gesicht sehen. Es hat sich alles gelohnt. Ich bereue keinen einzigen Tag meines Lebens.

Sind Sie oft einsam?
Ja natürlich! Jeder künstlerische Mensch ist einsam. Ohne Phasen der Einsamkeit hätte ich mein Buch nicht geschrieben und ohne sie gäbe es meine Lieder nicht. Ich habe eine positive Beziehung zur Einsamkeit. Sie gehört zu meinem Leben wie meine Kinder, meine Freunde, mein Beruf.

Sie sind unglaubliche 71 Jahre alt. Wie halten Sie sich jung?
Mit meiner Lebensfreude. Mit Energie und Zufriedenheit. Ich bin sehr glücklich darüber, wie mein Leben verlaufen ist. Kein Sport, keine spezielle Pflege? Ich bin zu faul für Sport, ich habe keine Lust, mich zu quälen, bis ich grau bin im Gesicht. Ich bin weder ein Jogger noch ein Radfahrer. Der einzige Sport, den ich betreibe, ist Schwimmen, täglich einpaar hundert Meter. Was spezielle Pflege betrifft: Keine Creme, von der es heißt, sie könnte gut sein, ist vor mir sicher!

Wie alt möchten Sie werden?
Diese Frage gestattet das Schicksal nicht.

Sie glauben an Schicksal?
Ich glaube daran, dass das Leben ein Geschenk ist, jede Stunde, jeder Tag, jedes Jahr. Morgen kann ein dramatischer oder ein fröhlicher Tag sein. Es kann die Sonne scheinen oder ein Tsunami kommen. Wir können nur unser Leben leben. Aber wir können dem Schicksal kein Schnippchen schlagen.

Ist das für Sie ein beängstigender Gedanke?
Überhaupt nicht. Weil ich mein Leben nicht plane. Planen kann ich meine nächste Tournee, aber nicht, was in fünf, zehn Jahren sein wird. Alt werden ist schmerzvoll, da hilft alles nichts. Irgendwann führt es zum Tod, und das ist wirklich nicht lustig.

6. August 2006, erschienen im KURIER