"Wenn die Liebe fehlt, bleibt nichts mehr"
Dagmar Koller

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Als Dagmar Koller am Samstagvormittag um 9.30 Uhr das Handy abhebt, ist auf der anderen Leitung der Wiener Bürgermeister Michael Häupl. „Die ganze Welt ruft bei mir an“, sagt Zilks Ehefrau mit tränenerstickter Stimme. Aber die Anteilnahme tut ihr auch gut. Als sie am Donnerstagabend das Wilhelminenspital verließ, hatte sie keine Ahnung, dass Helmut Zilks Herz am darauffolgenden Morgen, um 7.20 Uhr, aufhören würde zu schlagen. Der ehemalige Wiener Bürgermeister starb friedlich im Schlaf, im Alter von 81 Jahren. Im Gespräch mit dem Sonntag-KURIER gewährt Dagmar Koller Einblick in eine symbiotische Beziehung, in eine Verbindung, die mit den Jahren – und Schicksalsschlägen – immer stärker wurde.

Frau Koller, vor dem Eingang zu Ihrer gemeinsamen Wohnung am Wiener Graben stehen Kerzen und Blumen. Ein Trost?
Der Anblick gestern, als ich aus dem Spital in die Naglergasse zurückgekommen bin, war berührend und bestürzend zugleich. Ich kann es noch gar nicht glauben, dass Helmut nicht mehr da ist.

Wann haben Sie Ihren Mann zuletzt gesehen?
Am Abend vor seinem Tod. Er hätte am Freitagmorgen operiert werden sollen. Ich glaube, dass er das insgeheim, vielleicht auch unbewusst, nicht mehrwollte.

Worüber haben Sie sich unterhalten?
Ich hab’ ihm erzählt, dass ich meine ORF-Aufzeichnung mit der Ulrike Beimpold abnehmen sollte, aber dass ich das verschieben könnte. „Nein!“ schimpfte er, aber seine Stimme war schon ganz schwach. „Geh jetzt!“Kurz vor dem Ende hat mir dieser Mann noch befohlen, stark zu sein und meine Arbeit zu machen. Er hat bis zuletzt dirigiert, das wird mir unendlich fehlen.

Dirigiert und politisiert.
Mit Johannes Kunz hat er vorgestern noch über die politische Zukunft Österreichs debattiert. „Wo wirst du Weihnachten sein?“ fragte der Joe den Helmut. Und er sagte, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt: „In Portugal!“

Haben Sie seinen Tod denn erwartet?
Nein, gar nicht. Ich habe ihm doch jeden Tag selbstgekochtes Essen ins Wilhelminenspital gebracht. Er wollte nur essen, was er sich von mir gewünscht hatte. Die Infektion hatte er seit Monaten, wir waren in Portugal jeden Tag beim Arzt.

Stimmt es, dass er sich an einem Kaktus gestochen hat?
Das ist möglich, er ist ja biszuletzt gern in seinem Gartenherumgegangen. Er liebte seine Pflanzen und Kakteen. Die portugiesischen Gärtner hatten öfter Infektionen, wenn sie sich gestochen hatten.

Welches Bild taucht auf, wenn Sie an den letzten Portugal-Aufenthalt denken?
Wir beide und das Meer. Zweimal sind wir noch gemeinsam am Strand entlanggegangen. Sein Wille war stark, aber körperlich war er schon sehr geschwächt. Nach der Operation im Februar waren seine Beine nichts mehr wert. Er wollte noch gehen, aber sein Körper hat immer öfter gestreikt. „Schau, was ich für einen Ruck gemacht hab!“ Das hat mich Helmut in Portugal gefragt. Er war ein Stehaufmann. Er war immer und wird immer mein großes, großes Vorbild sein.

Wie waren die letzten Monate, Frau Koller?
Wir haben wahnsinnig viel mitgemacht. Er war schon sehr krank, aber gleichzeitig so tapfer. Ich hatte dadurch wenigstens eine Aufgabe. Ich wusste jeden Morgen, dass ich meine ganze Kraft brauche für ihn. Und durch ihn hatte ich doppelt so viel Kraft.

Und jetzt?
Jetzt weiß ich nicht, was ich ohne ihn machen soll. Unsere Liebe war unendlich, diese Liebe war nie vergänglich. Ich muss die ganze Zeit an Irma La Douce denken: „Nur die Liebe zählt. Wenn sie fehlt, bleibt nichts mehr…“ Ich war so glücklich im Älterwerden mit ihm!

Was tröstet Sie jetzt?
Eigentlich gar nichts. Ich wünschte, ich wäre in Portugal, denn dort liegt sein letzter Brief an mich im Safe. Er hat sich mit seinen Liebesbriefen immer wieder übertroffen. Über den letzten, zu unserem 30. Hochzeitstag, meinte er: Diesen Brief kann ich nicht mehr übertreffen.

Helmut Zilk hat in den Gesprächen zu seinem Buch über Sie gesagt: Dagmar ist meine Heldin, meine Lebensretterin, der letzte noch verbleibende Inhalt meines Lebens.
Ich habe es manchmal bereut, dass ich so an ihm hänge, und ihn dadurch nicht gehen lassen habe. „Ich schaff’s noch!“ hat er immer wieder zu mir gesagt. Voller Stolz zeigte er mir, dass er mit seinem Physiotherapeuten wieder ein paar Schritte gemacht hatte. Es war, als wollte er noch ein bisschen Zeit schinden für mich. Er hat ja bis zuletzt gekämpft. Für mich gekämpft.

Helmut Zilk hat erzählt, dass ihn auch 2006, als er 104 Tage im Koma lag, immer wieder der Wunsch überkommen habe, die Augen für immer zuzumachen.
Er hatte einfach keine Kraft mehr. Ich bin am Freitag sieben Stunden an seinem Bett gesessen. Es war so schwer, ihn loszulassen. Es schien mir einfach unmöglich, jemals Abschied nehmen zu können.

Obwohl Sie des Öfteren über diesen Abschied gesprochen hatten.
Er hat mir immer Mut gemacht. Du musst stark sein, hat er gesagt. Wir waren ein Team, haben uns gegenseitig durchs Leben geholfen. Ich war ja nie die starke Frau, die ich nach außen hin spielte. Ich habe ihn gebraucht. Deshalb war das zwischen uns oft ein Thema, wie es sein würde, wenn einer von uns gehen muss. Es war klar, dass er es sein würde, außer ich hätte einen Unfall gehabt.

In einem Interview mit einem deutschen Journalisten letzten Sommer sollen Sie gesagt haben, dass Sie nach dem Tod von Helmut Zilk die StadtWien verlassen werden.
Das ist kompletter Unsinn, dazu liebe ich doch diese Stadt und die Menschen viel zu sehr.

26. Oktober 2008, erschienen im KURIER