Das Leben ist eine Lotterie
Donna Leon

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Am Schottentor, in der ältesten Buchhandlung Wiens – vor 225 Jahren von einer Frau gegründet! - hat sich schon kurz vor 15 Uhr eine Menschenschlange gebildet. Um 16 Uhr signiert Donna Leon, Stargast der Wiener Kriminacht, hier ihr neues Buch "Das goldene Ei". Es ist ihr 22. Commissario- Brunetti- Roman, und auch der ist wieder ganz vorne auf den Bestsellerlisten gereiht.

Vor der Signierstunde steht noch das Interview auf dem Programm. "Hi!" Sie grüßt freundlich in die Runde und wirft, bevor sie im bunten Polstersessel Platz nimmt, noch schnell einen Blick ins Bücherregal, Sektion T. "Was, Susanna Tamaro schreibt noch immer? Ich hab' nur ihr erstes Buch gelesen und fand ihre Protagonisten so schrecklich glatt und unfehlbar, ich hätte sie am liebsten umgebracht." Die Krimiautorin (Selbstbeschreibung: "Klein, amüsant und zierlich") rollt ihre dunklen Augen, sie ist immer zu Späßen aufgelegt. Zu ihren roten Jeans trägt sie schwarz- gelbe Socken, ein dunkelblaues Sakko und einen geblümten Baumwollschal. Es wird ein Gespräch vor Publikum. Denn die Menschenschlange hat sich im Nu um uns platziert und hört aufmerksam zu.

Vielleicht ist das eine blöde erste Frage, aber ist Donna Leon wirklich Ihr richtiger Name?
Sicher. Warum sollte es nicht mein richtiger Name sein?

Weil er so italienisch klingt, und Sie sind bekanntlich in Montclair, New Jersey, geboren…
Aber ich bin auch Irin. Ich habe irische, deutsche und spanische Vorfahren.

Und leben in Venedig. Wie halten Sie die vielen Touristen aus?
Es ist großartig, dort zu leben. Obwohl sich die Realität ganz stark von den Vorstellungen der Menschen von dieser Stadt unterscheidet. Diese Realität ist ausgesprochen unangenehm.

Millionen von Touristen…
Man lernt, sie zu meiden. Mit den Touristen ist es wie mit einem reißenden Fluss. Man weiß, wann man sich von ihm fernzuhalten muss, und auch, wie man über Steine und Inselchen ans andere Ufer in Sicherheit gelangt.

Ihre Krimis werden in 34 Sprachen übersetzt, nur nicht ins Italienische, weil Sie in Venedig unerkannt leben wollen. Aber funktioniert das noch immer?
Ich lebe in einer kleinen Straße, fünf Minuten vom Rialto entfernt. Meine Nachbarn wissen, dass ich schreibe. Aber die Leute, die mir Käse und Gemüse verkaufen, wissen es nicht, auch die Müllmänner ahnen es nicht. Sicher, manche Italiener lesen meine englischen Übersetzungen. Aber in Wahrheit sind sie an einer fremden Schriftstellerin, die in einer fremden Sprache schreibt, nicht interessiert. Deshalb lebe ich nach mehr als dreißig Jahren noch immer ein vollkommen normales Leben dort…

Und schreiben mit 72 noch immer jedes Jahr einen neuen Fall von Commissario Brunetti. Macht der irgendwann einmal Schluss?
Na ja, früher oder später werde ich sterben. –  Lacht. – Also entweder lebt er so lange, bis ich tot bin, oder bis es mir keine Freude mehr macht.

Ist Mord Ihr Hobby?
Könnte man sagen. Krimis zu schreiben macht mir einfach Freude. Diese Frage nach Lust oder Qual beim Schreiben hab' ich nie verstanden. Wie könnte ich mich quälen? Solange ich noch nicht gaga bin, werde ich also schreiben.

Nie eine Schreibkrise gehabt?
Das ist mir noch nie passiert. Vielleicht auch deshalb, weil ich sehr diszipliniert bin. Wenn ich schreibe, mache ich nichts anderes nebenbei.

Was brauchen Sie zum Schreiben? Kaffee? Katzen? Musik?
Keine Musik und niemanden um mich herum. Ich muss allein sein, völlig ungestört. Schreiben könnte ich sogar in einer Telefonzelle in Pakistan. Eigentlich brauche ich nur einen Stuhl und einen Tisch und meinen Laptop.

Machen Sie sich nie Notizen auf kleinen Zettelchen?
Ich bin ein sehr unordentlicher Mensch. Ich notiere mir manchmal was auf Papierfetzen, aber die verliere ich dann immer. Und ein Notizbuch besitze ich nicht.

 

Sie werden von Ihren Fans als sehr zuverlässige Autorin geschätzt.
So als ob ich ein Ford wäre oder ein Volkswagen? Kichert.

Eher als ob Sie ihnen immer wieder ein Stück von Ihrem Lieblingskuchen liefern…
Ich bin froh, dass die Menschen meine Bücher so sehr mögen, dass sie weitere haben wollen. Mir geht es genauso mit meinen Lieblingsschriftstellern. Dickens zum Beispiel. Oder auch Ross McDonald, der amerikanische Krimiautor. Oder Richard Powers oder Margaret Atwood. Ich kann mich darauf verlassen, dass sie mir die Qualität liefern, die ich gewohnt bin. Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich aber lieber eine interessante Autorin als eine zuverlässige.

Wie kommen Ihre Krimis zustande? Haben Sie geheime Informanten bei der Polizei oder bei der Staatsanwaltschaft?
Ich kenne zwei oder drei Cops. Manchmal stelle ich ihnen technische Fragen. Aber für meine Geschichten ist es essenziell, mit den Menschen direkt zu sprechen. So bekomme ich einen Großteil meiner Informationen. Und aus den täglichen Zeitungen: "La Repubblica", "La Nuova di Venezia", "Il Gazzettino", "Il Fatto Quotidiano", "Corriere della Sera" - und dann lese ich auch noch "L’Espresso" und manchmal "Panorama", aber meistens doch "L’Espresso".

Haben Sie dabei einen Plot im Kopf?
Ich habe keine Ahnung, was passieren wird, nein… Es ergibt sich alles irgendwie von selbst, solange ich Menschen beobachte, mir die Frage nach dem "Warum" stelle.

Was haben Sie in Wien beobachtet?
Viele Frauen mit Facelifting… Da schau' ich gar nicht mehr hin, weil es schon zu viele geworden sind. Aber in einem Restaurant beim Augarten habe ich ein Paar beim Abendessen beobachtet. Es war offensichtlich, dass sie sich nicht mochten. Ich habe nur ihre Körper und Gesichter beobachtet und es schien mir ein Ehepaar zu sein, das beim Abendessen beschließt, sich scheiden zu lassen. Dann ist mir noch eine junge Frau im Rollstuhl aufgefallen, die den "Augustin" verkauft hat, und ich fragte mich, warum sie nicht nur im Rollstuhl sitzt, sondern auch noch obdachlos ist. Das sind "two strikes", wie wir in Amerika beim Baseball sagen…

Könnte es sein, dass wir diesen Figuren in einem Ihrer nächsten Krimis begegnen?
Ja, das könnte durchaus sein. Ich habe da keine mentale Schublade, aber beim Schreiben tauchen solche Beobachtungen dann aus dem Unterbewusstsein auf.

Apropos Amerika: Glauben Sie, dass Obama den Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat gewinnen kann?
Ich glaube, es ist sehr schwierig, eine Schlacht gegen einen Begriff zu gewinnen. Aber Amerika hat schon immer Krieg gegen Begriffe geführt. Gegen den Kommunismus, gegen die Ungerechtigkeit, und seit 2001 eben gegen den Terrorismus. Ich hoffe, dass Obama es schafft. Von ganzem Herzen. Ganz ernsthaft, denn das sind sehr böse Menschen. Da beide Seiten nur Gewalt als Waffe verwenden, da sich keiner hinsetzt und redet, sehe ich aber wenig Hoffnung. Ich persönlich denke auch, dass die Umweltverschmutzung das viel größere Problem ist. Terror bedroht einige wenige Länder, aber diese ökologische Sauerei bedroht den gesamten Planeten.

Sie haben einmal gesagt, die ganze Welt sei ein Saustall.
Oh ja… Aber meine Bücher handeln nicht von der ganzen Welt, sondern nur von einer einzigen Stadt. In vielerlei Hinsicht spiegelt sich hier das Chaos in der Welt wider, weil es eine Stadt ist, die durch Gier zerstört wird, von Menschen, die finanziellen Profit um jeden Preis wollen und die alles dafür geben würden. Nach diesem Prinzip funktioniert die ganze Welt.

Haben Ihre Bücher Sie reich gemacht?
Ja, sicher!

Also sind Sie Millionärin?
Natürlich bin ich Millionärin. Aber mein Leben hat sich dadurch kaum verändert. Ich wohne noch immer im selben Appartment, ich reise noch immer in der zweiten Klasse. Ich besitze weder einen Fernseher noch ein Handy. Ich brauch' das nicht! Ich bin eine der ganz wenigen, die sagt, ich komme um drei und dann komme ich um drei. Viel Geld gebe ich eigentlich nur für Musik aus, und ich mache Charity.

Was werden Sie mit 90 oder 100 machen?
Vielleicht grade mal noch atmen können und nicht viel mehr… Aber vielleicht werde ich auch noch schreiben. Wer weiß? Das Leben ist eine Lotterie. Ich könnte noch heute von einer Wiener Straßenbahn überfahren werden.

Was soll man einst über Donna Leon sagen?
Gar nicht viel. Ich habe meine Dissertation über Jane Austen geschrieben, die 1816 gelebt hat, und die Menschen reden noch immer über sie. Sie ist die größte englische Romanschriftstellerin, ein Genie. Man soll also die Relationen im Auge behalten.

Wenn Jane Austen ein Genie ist, was sind Sie dann?
Ich wäre ein Narr, wenn ich nicht sagen würde, dass ich gute Krimis schreibe. Aber dass meine Bücher eine bleibende Bedeutung für die Welt haben werden wie Jane Austens "Stolz und Vorurteil", das bezweifle ich doch sehr.

27. September 2014, erschienen in der KRONE