„Frauen sind unheimlich”
Christine Nöstlinger

zurück zur Übersicht

Die Kinderbuchautorin über Lehrer, Ausländer und Kollegen, die Millionen scheffeln.

Ein unscheinbarer Hauseingang vis-a-vis des Hannovermarktes in Wien-Brigittenau. Hier wohnt die wohl bekannteste Kinderbuch-Autorin des deutschen Sprachraums. Mehr als 150 Bücher hat Christine Nöstlinger geschrieben und denkt sich mit 73 Jahren noch immer neue Geschichten aus.
In den wenigen Liftminuten tauchen sie in Gedanken alle auf: Konrad aus der Konservendose, die feuerrote Friederike, der Gurkenkönig, das Gretchen, Dschi Dsche-i Dschunior; seit vier Jahrzehnten Helden von Millionen Kindern.  Ihre Schöpferin führt uns über einen Gang-Balkon zu ihrer Dachgeschoßwohnung mit Blick hinüber bis zum Stephansdom. „Hier oben hab’ ich sogar meinen privaten Mond“, erklärt sie. Eine Leuchte im Innenhof spiegelt sich in einem ihrer Dachfenster und so kommt es, dass bei ihr immer Vollmond ist.
Am großen Holztisch in der Wohnküche erinnert sich  die Autorin mit ihrer rauchigen Stimme an Zeiten, in denen die Leute in der Straßenbahn noch Bücher, oder zumindest Schundromane gelesen haben, statt zu telefonieren. Das Pisa-Debakel – „es wundert mich nicht!“ Neben ihrem Apple-Notebook liegen die Bücher, die sie gerade liest: Die neue Kreisky-Biographie und Terèzia Moras Buch „Der einzige Mann auf dem Kontinent“.
Die Nöstlinger in ihrem grünen Kaschmir-Pullover verschmilzt mit dem frühen Franzi Ringel im Hintergrund – brutales sexuelles Wesen, gemalt mit wütenden Farben - beinahe zu einem Gesamtkunstwerk.

Das Bild, vor dem Sie sitzen, ist es nicht fast unheimlich?
Ich hab’ es zum 65. Geburtstag bekommen. Frauen SIND unheimlich.

Gilt das auch für Sie?
Ich bin eigentlich eine ganz Nette, ned allzu dumm, ned allzu unfreundlich, und ziemlich tolerant.

Österreich steht unter Pisa Schock: Sie auch, Frau Nöstlinger?
Naa. Ich hab’s erwartet. Warum sollte es auch besser werden, wenn man nix tut? Pisa ist kein Einzelfall. Wir sind ja auch Vorletzter im EU-Vergleich, was die Gehälter der Frauen betrifft.

Platz 31 beim Lesen, hinter uns nur noch Türkei, Chile und Mexiko… Das muss doch ein Stich ins Herz einer Kindbuchautorin sein.
Ich war mir immer bewusst, dass Kinderbücher nur von einer gewissen sozialen Schicht gelesen werden. Ausnahmen gibt’s immer, aber Lesen ist ein Kulturverhalten, das in Familien entsteht. Wenn die Eltern lesen, wenn es daheim Bücher gibt, wenn man Geschichten erzählt, dann lesen auch die Kinder. Wenn es daheim aber nur Bilder gibt – bewegliche und unbewegliche – dann wird auch nicht gelesen.

Auf Youtube kriegen die Kids von heute jede Story in sechs Minuten serviert. Ist das vielleicht der Grund, warum sie keine Bücher mehr lesen wollen?
Man braucht tatsächlich eine ganz eigene Art von Phantasie, um Freude am Lesen zu haben. Zu einem Wort muss im Kopf sofort ein Bild entstehen. Wenn Kinder aber nur noch Bilder sehen, dann entwickelt sich diese Phantasie gar nicht. Dann wird Lesen ein mühsames G’schäft, das keinen Spaß mehr macht. Dann ist alles andere einfacher und bequemer.

Wer ist Schuld?
Politisch gesehen alle, die eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen verhindern. Wenn die ÖVP stur auf ihrer Position beharrt, dann wird es nicht gehen. Es braucht darüber hinaus aber auch Leistungsgruppen, Förderunterricht, doppelte Besetzung von Lehrern in jeder Klasse und weniger Schüler. Was die derzeitige Regierung macht, ist feige Bildungspolitik. An den fehlenden finanziellen Mitteln liegt es nicht: Österreich gibt im EU-Durchschnitt für die Schulen am meisten Geld aus, aber das geht zum Großteil für die Lehrer drauf.

Die Lehrer mochten Sie noch nie.
Wie sich die Gymnasial-Lehrergewerkschaft verhält, gefällt mir nicht. Aber es gibt auch sehr viele Lehrer, die gut sind, denen Unrecht getan wird. Die mir sagen, dass weniger das Lesen das Problem ist, sondern das Denken und Verbalisieren. Kinder sind nicht in der Lage, Texte wiederzugeben, ihren Sinn zu erfassen. Sie verstehen ihn einfach nicht.

Haben Sie eine Idee, wie man Kinder zu Leseratten machen könnte?
Nein. Mein eigener Enkel liest nicht sehr viel. Nie würde ich überlegen, wie ich ihn zum Lesen bringen könnte! Ich kenne etliche Erwachsene, die heute blitzgescheit sind, obwohl sie als Kinder nicht gelesen haben. Aber wenn es um das Verständnis von Texten geht, ist es natürlich erschütternd, denn  dann stehen diese Menschen später sehr schlecht da im Leben.

Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach die Migrantenkinder?
Migrantenkinder aus schwierigem sozialem Milieu unterscheiden sich nicht sehr viel von Ureinwohner-Kindern aus diesem Milieu. Die Kinder von saturierten Türken gehen in Privatschulen und lernen dort ausgezeichnet! Es ist also kein Migrationsproblem, sondern ein soziales Problem. Vielleicht sollte es einen Pisa-Test für Eltern geben. Aber es tät ja auch nix ändern. Eltern kann man noch schlechter ändern als Kinder.

Wir sitzen hier mitten in der Brigittenau: Was beobachten Sie da?
Ich wollt’ immer schon gern im Ausland leben! - Lacht. - Aber es stört mich nicht. Ich finde es bedauerlich, dass türkische Frauen und Jugendliche nicht gut Deutsch sprechen. Bedauerlich für sie, denn sie kriegen später keinen guten Job, mich bitte belästigt das ja nicht. Und dieses ewige Gejammer von Wienern, dass alle Geschäfte türkisch sind, nervt mich. Die sollen froh sein, dass es noch türkische Geschäfte gibt! Die türkischen Paradieser sind nämlich um Klassen besser als die holländischen.



Stört Sie diese Parallelgesellschaft?
Ich fände es schön, wenn es nicht so wäre. Aber es hindert mich ja nicht an meinem Leben. Es hindert ja jene, die sich vom sozialen Aufstieg ausschließen.

Gibt es die viel zitierte Ausländerfeindlichkeit?
Ich sehe eine Menge inländischen Hass, der immer wieder abrupt ausbricht. Mitten beim Billa steht dann so ein Urösterreicher, sieht drei Frauen mit Kopftüchern und sagt: "Daschieß’n kunnt is, wenn i a Gwehr hätt!“

Sagen Sie dann was?
Ich hab ihn gefragt, warum. „Aber hobns mi gern!“ hat er g’sagt.

Hat er Sie nicht erkannt?
Solche Leute erkennen mich doch nicht. Die lesen nicht Nöstlinger, die lesen höchstens „Heute“.

Lesen Migrantenkinder Nöstlinger?
Nein. Sicher kann ein Migrantenkind mit meinen Büchern nicht viel anfangen. Denn die Familien, die ich beschreibe, haben mit dem Leben dieser Kinder sehr, sehr wenig zu tun. Kinder wollen sich wiederfinden. Oder eben ganz ferne, fremde Welten.

Harry Potter also.
Ich kann dieses Fantasy-Zeug nicht leiden. Und ich kann mir auch nur sehr schwer vorstellen, dass Kinder, die angeblich Schwierigkeiten beim Lesen haben, solche 500 Seiten-Brocken verschlingen.

Schwingt da ein wenig Neid mit auf eine Rowling, die über Nacht Millionen verdient?
Neidisch… Wenn ich jetzt „Nein“ sage, wäre das gelogen. Ich würde schon auch gern Millionen verdienen. Aber soll ein guter Schriftsteller, der sein Buch vielleicht 20.000 Mal pro Jahr verkauft, auf die Uta Danella oder Konsalik neidig sein? So ist es halt im Leben.

Heute gilt ja Thomas Brezina als meistverkaufter Kinderbuchautor…
Der Brezina ist mir völlig Blunz’n! Ich werde kein böses Wort über ihn sagen.

Über Kinder haben Sie einmal gesagt: „Sehr kinderlieb bin ich nicht“.
Das gilt noch immer. Es gibt ja auch viele grausliche Erwachsene. Die sind nicht erst mit ihrem 18. Lebensjahr Ungustln geworden. Wenn ich diese G’fraster nicht schildern könnte, hätte ich lauter Bussi-Bussi-Bücher geschrieben.

Sie schreiben seit mehr als vierzig Jahren: Können Sie noch immer von Ihren Büchern leben?
Ja. Weil man ja in diesem ganzen Pisa-Jammer nicht vergessen darf, dass es auch viele Kinder gibt, die sehr wohl lesen. Es werden immer noch sehr viele Kinderbücher verkauft. Auch von mir; meine Backlist funktioniert. Ich kann noch immer mit dem Taxi zum Meinl am Graben einkaufen fahren, wenn mir danach ist.  

Woran schreiben Sie im Moment, Frau Nöstlinger?
Ich hab’ grad ein Buch fertiggemacht – den dritten Band vom Puddingpauli - und ein neues angefangen für einen andern Verlag. Ich muss das immer aufteilen, weil ich drei Verlage habe.

Wo erfinden Sie Ihre Geschichten?
Das kann kochend sein, Auto fahrend, oder einfach aus der Not heraus sein. Ein Verleger reist nach Wien an und redet mir ins Gewissen, dass sein Verlag jetzt wieder dran wäre. Dann schwindle ich schon am Telefon, dass mir eh schon was eingefallen sei, und beim Reden, unter vier Augen, fällt mir dann noch was ein, und dann sitze ich da mit so einem Anfang. So wie jetzt.

Ist Schreiben Qual oder Lust für Sie?
Eine richtige Qual ist es nicht, aber echte Lust ist es auch nicht…

Ihr Lieblingsbuch?
Hugo – das Kind in den besten Jahren. Das ist die Geschichte eines Buben, der zwei Männer als Eltern hat. Die Schwulen haben mich dafür sehr gelobt, aber der Hintergrund war ein anderer: Ich sollte eine Story zu Zeichnungen schreiben, auf denen waren nur Männer drauf…

Und das Lieblingsbuch Ihrer kleinen Leserinnen und Leser?

Dicke Mädchen haben die drei Gretchen-Bände geliebt, Kinder mit alleinerziehenden Müttern „Ein Mann für Mama“. Ich glaube, ich habe viele Lieblingsbücher geschrieben.

Sie rauchen seit vielen Jahrzehnten. Wollten Sie nie aufhören?
Ich schaffe es nicht. Eigentlich möchte ich schon. Andererseits: Anscheinend möchte ich nicht wirklich. – Zündet sich noch eine Johnny Player Special an. – Einmal hab' ich mir vorgenommen, ein Nikotin-Pflaster aufs Hirn zu kleben. Aber als ich dann saß mit meinem Kaffe und der Vorstellung, dazu keine Zigarette mehr rauchen zu können, hab ich’s bleiben lassen.

Macht Rot-Grün in Wien Sie jetzt glücklich?
Glücklich? Nein. Ich bin zufrieden. Meine einzige Hoffnung ist, dass der Strache nicht noch stärker wird. Man wird bescheiden mit den Jahren.

In zwölf Tagen ist Heiliger Abend: Was bedeutet Ihnen Weihnachten?
Nicht sehr viel. Meine Familie war nie religiös, und ich schon gar nicht. Deshalb war es immer nur ein großes Geschenkefest. Außerdem war ich, seit ich Kinder hab’, immer in einer vertrackten Lage. Meine große Tochter hat Weihnachten gehasst, meine kleine Tochter hat Weihnachten geliebt. Diese Ambivalenz ist mir bis heute geblieben.

12. Dezember 2010, erschienen im KURIER