„Wenn es aus ist, ist's aus”
Heinrich Treichl

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Ein Stadtpalais in der Wiener Salmgasse. Es ist, als trete man ein in eine andere Epoche. Historische Möbel, Statuen, Gemälde. Desiree Treichl- Stürgkh, Ehefrau von Erste- Chef Andreas Treichl, führt uns in den Salon, wo ihr Schwiegervater, in feinstes Tuch gehüllt, in einem Lehnsessel wartet. Der Hausherr lässt es sich nicht nehmen, zur Begrüßung aufzustehen - und zwar ohne Stock: "Danke, dass Sie sich die Mühe gemacht haben."
100 Jahre! Der Doyen der österreichischen Banken sieht fantastisch aus. Ein Grandseigneur mit weißem Haar, wachen, blauen Augen und frischen, roten Wangen. Keine wackligen Beine, keine schmerzenden Knie. Vor der großen Bücherwand steht sein Hometrainer, der auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat. Auf den steigt der alte Herr angeblich noch jeden Morgen und macht seine "Leibesübungen".
Das Interview verläuft nicht ganz komplikationslos. Einmal macht er sich über eine Frage lustig, dann krault er sich am Kopf, um verloren gegangene Erinnerungen zurückzuholen. Und oft lächelt er lieber verschmitzt in sich hinein, anstatt zu antworten. Ob er da was ausheckt wie "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand"?

Heinrich Treichl hat Österreichs wechselvolles Schicksal in vier Epochen erlebt. Kaiserzeit, Erste Republik, NS- Zeit, Zweite Republik. In seinen Memoiren hat er eine vergangene Welt wiederauferstehen lassen und zu politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Fragen des 21. Jahrhunderts Stellung genommen (Zsolnay Verlag; 24,20 Euro).

Herr Treichl, Ihre Erinnerungen tragen den Titel "Fast ein Jahrhundert" - nun ist es ein ganzes Jahrhundert geworden... Sind Sie froh darüber?
Ja, weil runde Zahlen schöner sind als ungerade.

Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?
Dass alle da sind. Meine fünf Enkel und meine Kinder, deren Familien, Freunde und die Nachbarn. Wir feiern in Leogang, wo unsere Familie herkommt, beim Kirchenwirt. Vorher gibt es eine Dankesmesse.

Wie sind Sie so jung geblieben?
Bin ich so jung geblieben? Das ist eine Gnade, ein Geschenk vom lieben Gott. Und ich hab' gute Gene. – Lacht.

Keine Anti- Aging- Rezepte?
Was soll das sein? Tabletten? Nein, ich hab' nichts Besonderes gemacht. Nur das Rauchen hab' ich aufgegeben, als ich 60 war. Ich habe viel geraucht.

Stimmt es, dass Sie täglich Sport machen?
Ja, auf diesem Rad hier. Aber ich trinke auch gerne ein Glas Rotwein. Und ich glaube, dass ich Vitamine kriege.

 

 

Als kleiner Bub haben Sie mit Ihrer Kinderfrau dem Kaiser zugewunken. Ziehen all diese Erinnerungen manchmal wie ein Film an Ihnen vorbei?
Ich habe ein ganz gutes Gedächtnis. Ich weiß noch, dass der Kaiser mit einer Handbewegung zurückgegrüßt hat. Aber am liebsten erinnere ich mich an meine Frau. Sie fehlt mir... (Helga Treichl starb zu Lichtmess 1995 an einer Embolie - seit ihrem Tod trägt er nur noch schwarze Krawatten.)

Sie waren von 1971 bis 1981 Generaldirektor der Creditanstalt – macht Ihnen das schlechte Image der Banken heute manchmal Sorgen?
Banken sind nie beliebt. Ich mache mir darüber aber keine Sorgen, weil ich ja nur mehr ein Beobachter bin.

Beobachten Sie auch die Tagespolitik noch?
Ich verfolge es ein bisschen... Ich schaue "Zeit im Bild", lese die "Neue Zürcher Zeitung" sowie den "Economist".

Werden Sie wählen gehen?
Oh ja. Natürlich. Das ist doch ein Recht, das man wahrnehmen muss.

Welches Ergebnis würden Sie sich wünschen? Sie haben einmal für Schwarz- Grün plädiert.
Ich glaube mittlerweile nicht mehr, dass es die optimale Form ist. Ich weiß auch nicht, ob eine große Koalition was weiterbringt. Das Liebste wäre mir natürlich, wenn die ÖVP eine Mehrheit bekäme.

Herr Treichl, wie sehen Ihre Tage heute aus, was machen Sie so?
Einen schlechten Eindruck! - Lacht schallend, dann konzentriert er sich wieder. – Nein, ich höre gern Musik, obwohl ich leider nicht sehr musikalisch bin, um das milde auszudrücken. Meine geliebte Frau hat gelitten unter meinem Antitalent.

Welche Musik?
Oper, am liebsten den Rosenkavalier. Aber auch symphonische Konzerte. Als nächstes bei den Salzburger Festspielen. Ich gehe auch oft zur Messe in die Rochus- Kirche. Mein Enkel hatte da letztens die Firmung.

Hat man mit 100 noch Träume?
Wovon träumt die Gans? Vom Kukuruz! – Will ich nicht beantworten.

Anders gefragt: Was möchten Sie noch gerne machen?
Vielleicht ein Buch schreiben. Ansonsten nur Zeit mit meinen Enkeln verbringen.

Spielt der Opa mit ihnen?
Nein, die spielen mit mir. Räuber und Gendarm. Ich bin der Räuber.

Wie alt möchten Sie werden? So alt wie Jopie Heesters?
Lebt der noch?

Er ist mit 108 gestorben.
Ich habe keinen besonderen Ehrgeiz, ihn zu überholen.

Wird es Ihnen sehr leidtun, wenn das Leben vorbei ist?
Nicht besonders. Wenn es aus ist, ist's aus. Ich habe auch keine Angst, gar nicht. Ich vertraue Gott.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Ja, aber in einer anderen Form der Existenz, einer geistigen. Man muss beizeiten lernen, sich in das zu fügen, was einem bestimmt ist.

13. Juli 2014, erschienen in der KRONE